Was in 50 Jahren Landkreis Böblingen geschah

Entstehung des Landkreises Böblingen

Logo 50 Jahre Landkreis Böblingen

Der Landkreis Böblingen geht auf das alte gleichnamige württembergische Oberamt zurück, das schon zu Zeiten des Herzogtums Württemberg errichtet wurde. Im Laufe der Geschichte wurde es mehrmals verändert und 1938 in den Landkreis Böblingen überführt.

Im Zuge der Kreisreform 1973 wurde der Landkreis Böblingen aus den Altkreisen Böblingen und Leonberg gebildet. Er erhielt einige Städte und Gemeinden des ehemaligen Landkreises Leonberg (neben Leonberg auch Weil der Stadt, Renningen, Rutesheim und Weissach) und des Landkreises Calw (Deckenpfronn). Andererseits verlor er 1975 Leinfelden und Musberg an den Landkreis Esslingen. Damit erreichte der Kreis seinen heutigen Umfang.

Auf der Seite der Landkreisnachrichten gibt es mehr Infos rund um die Kreisreform, viele Landkreise portraitieren ihren Werdegang. Der Landkreis Böblingen präsentiert sich mit „Besten Zukunftsaussichten in der Mitte Baden-Württembergs“

Serie des Kreisarchivs zum Jubiläum

Teil 1 - 50 Jahre Landkreis Böblingen – aber was war eigentlich, bevor es Landkreise gab?

Der Landkreis Böblingen feiert 50. Geburtstag. In einer Artikelserie des Kreisarchivs gibt es einen Blick zurück. Denn was war, bevor es überhaupt Landkreise gab?

Die Gebietsreform in Baden-Württemberg zum 1.1.1973 kürzte die Anzahl der Landkreise von 63 auf 35. Der neu gebildete Landkreis Böblingen umfasst das Kreisgebiet des vorigen Kreis Böblingen; außerdem kam der größte Teil des aufgelösten Landkreises Leonberg dazu und vom Landkreis Calw 1971 die Gemeinde Dachtel durch Eingliederung in die Gemeinde Aidlingen und 1973 Deckenpfronn; 1975 fielen die Stadt Leinfelden und die Gemeinde Musberg weg.

Die Geschichte der Vorläufer der Landkreise geht im Württembergischen zurück ins späte Mittelalter. Bereits im 13./14. Jahrhundert findet sich die Gliederung der damaligen Grafschaft Württemberg in Ämter. Diesen standen Amtmänner vor, die Vögte, die zunehmend aus der bürgerlichen Ehrbarkeit stammten und für das Amt ernannt wurden. Sie vertraten zwar herrschaftliche Interessen, verwalteten aber selbständig die Amtsstadt und ihren Amtsbezirk. Sie sprachen Gericht, bestimmten die Instandsetzung von Straßen oder auch das Feuerlöschwesen. Die Gemeinden im Amtsbezirk entsandten Vertreter in die Amtsversammlung. Um 1425 wurde der „Landschaden“ als Umlage von Landessteuern eingeführt. Die Amtsbezirke erhoben gleichfalls einen „Amtsschaden“ als Umlage zur Umsetzung ihrer Aufgaben. Grob vereinfacht kann man den „Amtsschaden“ mit der heutigen Kreisumlage vergleichen.

Auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Böblingens liegen die ehemaligen drei Amtsstädte Böblingen, Herrenberg und Leonberg mit ihren jeweiligen Amtsbezirken. Leonberg war neben Stuttgart 1457 Austragungsort des ersten württembergischen Landtags. Die Amtsstädte und ihre Amtsbezirke schickten Gesandte, die dort ihre Interessen vertreten sollten. Diese Vertreter der Städte und Ämter auf den Landtagen, die in unregelmäßigen Abständen bis zur Erhebung Württembergs zum Königreich tagten, waren dauernd und ausschließlich Mitglieder der führenden bürgerlichen Schicht, der sogenannten Ehrbarkeit. Die in der Appellation des Grafen 1457 einberufene „Landschaft“ stand ihm, der Herrschaft, gegenüber. So konnte die „Landschaft“ Einfluss auf die Politik in der Grafschaft Württemberg nehmen, die 1495 zum Herzogtum erhoben wurde.

Teil 2 - Die Geschichte der Vorläufer der heutigen Landkreise vom Mittelalter bis ins 20 Jahrhundert

Die Geschichte der Vorläufer der Landkreise geht im Württembergischen zurück ins späte Mittelalter. Bereits im 13. / 14. Jahrhundert findet sich die Gliederung der damaligen Grafschaft Württemberg in Ämtern. Auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Böblingens liegen die ehemaligen drei Amtsstädte Böblingen, Herrenberg und Leonberg mit ihren dazugehörigen Amtsbezirken. Die Amtmänner, Vögte, und das Amt vertraten einerseits herrschaftliche Interessen, andererseits verwalteten sie selbständig die befestigte Amtsstadt und ihren Amtsbezirk. Seit 1457 wurden in Württemberg Landtage abgehalten – erstmals in Stuttgart und Leonberg. Auf diese entsandten die Amtsstädte und ihre Amtsbezirke bis zur Erhebung Württembergs zum Königreich Gesandte, die dort ihre Interessen vertreten sollten. 1495 wurde Württemberg zum Herzogtum erhoben.

1759 wurden im Rahmen der neuen Bezirksorganisation die Ämter zu Oberämtern aufgewertet. Infolge der napoleonischen Neuordnung der herrschaftlichen Verhältnisse und Gebiete Europas, der Gebietszugewinne und der Erhebung Württembergs zum Königreich erhielten die Amtsbezirke einen veränderten Gebietszusammenhang. Zum Gebiet, das von den drei Vorgängerbehörden des heutigen Landkreises Böblingen verwaltet wurde, kamen unter anderem die zuvor reichsunmittelbare Stadt Weil der Stadt, die frühere Ordenskommende der Johanniter Dätzingen, ehemals vorderösterreichisches Territorium sowie Gemeinden anderer Oberämter. Die Gemeinden, die ehemals zu Vorderösterreich gehörten, gingen mit der Kreisneueinteilung 1938 an den Kreis Tübingen. Mit der Erhebung Württembergs zum Königreich 1806 verloren die Oberämter die Finanzgeschäfte an die Kameralämter.

Die 1906 erlassene Bezirksordnung gewährte mehr Mitbestimmungsrechte: Drei von sechs Mitglieder des damals eingeführten Bezirksrats sollten Laien sein, die kein anderes Amt in einer Gemeinde bekleideten. Daneben gab es weiterhin die Amtsversammlung, der Bürgermeister und Gemeinderäte der Städte und Gemeinden als Mitglieder angehörten. In der Zeit der Weimarer Republik bewältigten die Oberämter die Fürsorge für die Kriegsversehrten, Kriegswitwen und -waisen und für die von Arbeitslosigkeit Betroffenen. Jugendämter wurden eingerichtet. Ab 1928 wurde der Oberamtmann Landrat genannt.

Einen tiefgreifenden Einschnitt erlebten die Oberämter, die ab 1934 Kreise genannt wurden, in der Zeit der NS-Diktatur von 1933 bis 1945. Den Kreisen wurde die Selbstverwaltung genommen. Zudem wurde 1938 die Karte der Kreise neu gezeichnet. Damals verlor der Kreis Herrenberg seine Eigenständigkeit; der größte Teil des Kreisgebiets wurde in den Kreis Böblingen eingegliedert. Ebenfalls 1938 wurde der Kreis Stuttgart-Amt aufgelöst. Aus diesem wurden dem Kreis Böblingen die Stadt Waldenbuch sowie die Gemeinden Leinfelden (mit Ober- und Unteraichen), Musberg und Steinenbronn zugeordnet. Bis 1942 kamen sogar die Gemeinden Möhringen und Vaihingen (mit Rohr) zum Kreis. Die Gemeinde Schafhausen musste an den Kreis Leonberg abgetreten werden. Dieser hatte die Gemeinde Weissach vom Kreis Vaihingen erhalten.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden demokratische Strukturen durch die amerikanische Besatzungsmacht wiedereingeführt. Zu den größten Herausforderungen des Landkreises gehörte damals die Behebung der Wohnungsnot. Schon in den 50er Jahren war eine Kreisneueinteilung Thema, doch zu einer weiteren Planung und  ihrer Umsetzung kam es zunächst noch nicht.

Teil 3 - „LEO – muß bleiben“

Zum 1.1.1973 griff die Gebietsreform in Baden-Württemberg und die Zahl der Landkreise reduzierte sich von 63 auf 35. Die Planungen des Innenministeriums sahen in ihrem im Dezember 1969 veröffentlichten „Denkmodell“ eine solche Reduzierung vor. Der Kreis Leonberg gehörte zu den Kreisen, die aufgelöst werden, und dessen Gemeinden auf neu zu bildende, benachbarte Landkreise verteilt werden sollten. Für einen Verdichtungsraum weise der Landkreis eine zu geringe Einwohnerzahl auf, so die damalige Begründung. Kreise in „Verdichtungsräumen“ sollten eine Einwohnerzahl „erheblich über 150.000“ haben; mit 133.570 Einwohnern lag Leonberg zu dieser Zeit darunter.

Der Leonberger Kreistag unter Landrat Wolfgang Ramsauer sowie auch die gesamte Bürgerschaft stemmte sich mit viel Engagement gegen die Auflösung. Leonbergs Landrat Wolfgang Ramsauer wandte sich noch im gleichen Monat in einer Presseerklärung gegen die Auflösung seines Landkreises. 1970 befasste sich der Kreistag mit der Gefahr des drohenden Verlusts der Eigenständigkeit in der Hoffnung, eine Auflösung des Landkreises doch noch abwenden zu können. Im Nachgang zur Kreistagssitzung vom 12. Mai 1970 gab der Landkreis eine Denkschrift zur Kreisreform heraus, in der detailliert und argumentativ Stellung gegen die geplante Auflösung des Kreises bezogen wurde. Aus der Bürgerschaft bildete sich im November 1970 ein Bürgerkomitee, dem auch Vertreter des Kreistags angehörten, und bereitete eine Volksabstimmung vor. Ein Aufruf lautete, unter Anspielung auf das Leonberger Kfz-Kennzeichen: „Wenn der Kreis Leonberg aufgelöst wird, dann müssen Sie das weltbekannte LEO-Schild gegen das blasse BB vertauschen. Löwe oder BB?“. Es gab aber auch andere schöne Schlagsätze und gar Reime wie „LEO – muß bleiben“, oder: „Doch führ ich LEO in dem Schild / Dann ist die ganze Welt im Bild! Und dieses schöne Löwen-Zeichen, / das soll nun einer BB weichen! // Das LEO, das an allen Orten / uns und andern lieb geworden, / LEO bekannt und originell / wird zerstört durch’s Denkmodell!“ Im Dezember 1970 flog ein Sportflugzeug über das Gebiet des Landkreises Leonberg und zog ein Banner „RETTET DEN KREIS LEONBERG“. Gesponsert wurde dieses aufsehenerregende und weithin sichtbare Zeichen für die Volksabstimmung von Helmut Kraft, einem Leonberger Unternehmer. Die Abstimmung selbst fand am 17. Januar 1971 mit einer Wahlbeteiligung von 75% statt. Das Ergebnis war eindeutig: 94,5% votierten für den Erhalt des Landkreises. Einen Monat zuvor hatte auch der Kreistag einstimmig die Auflösung des Landkreises abgelehnt. Ebenfalls hatten sämtliche Gemeinderatsgremien gegen die Auflösung und für den Erhalt des Landkreises gestimmt.

Dennoch gab es wenige Tage nach der Volksabstimmung die beschlossene Regierungsvorlage mit dem Inhalt der Auflösung des Landkreises Leonberg. Darauf druckte die „Leonberger Allgemeine“ eine „Todes-Voranzeige“ ab mit dem Inhalt: „Nach 15stündiger Beratung der Kreisreformärzte im Landeskrankenhaus ‚Bad.-Württ. Landtag‘ liegt der schon nach früherem Beschluss zu sezierende Patient, der Landkreis Leonberg, kurz nach seiner vom starken Lebenswillen getragenen Wahleuphorie nach dem Willen der Politprofessoren von der SPD und CDU an akutem Kreislaufversagen in der Agonie. Da dem Patienten jede Sauerstoffzufuhr (Zuteilung kreisangrenzender Gemeinden) verweigert wurde, steht sein Ableben im Jahr 1972 fest […]“.

Zum 31. Dezember 1972 wurde der Landkreis Leonberg aufgelöst. Gemessen an der Einwohnerzahl gingen ca. 52% mit der Stadt Leonberg zum neu gebildeten Landkreis Böblingen, ca. 42% zum neu gebildeten Landkreis Ludwigsburg und ca. 6% zum neu gebildeten Enzkreis. Das Kfz-Kennzeichen ‚Leo‘ gehörte lange Jahre der Vergangenheit an, bevor es 2013 als Unterscheidungszeichen für die Bürgerinnen und Bürger des heutigen Landkreises Böblingen wieder eingeführt wurde.

Teil 4 - Frühes Interesse der Gemeinde Dachtel an einem Kreiswechsel

Die Gemeinde Dachtel (vormals Landkreis Calw) suchte schon früh den Wechsel in den Landkreis Böblingen. Bei einem von der Gemeinde organisierten Bürgerentscheid am 3. März 1963 sprach sich eine deutliche Mehrheit dafür aus. Im Rahmen der Kreisreform fielen diese Pläne mit denen des Innenministeriums zusammen. Anlass für dieses frühe Interesse von Dachtel – 10 Jahre vor der Kreisreform - war die folgende Historie:

Walter Walz, Bürgermeister von Deufringen im Landkreis Böblingen, kandidierte 1954 in seiner Heimatgemeinde Dachtel ebenfalls für den Bürgermeisterposten. Im Falle seiner Wahl wollte er das Amt in beiden Gemeinden bekleiden und sich bei einer „Kreisneueinteilung“ dafür einsetzen, dass die Gemeinde Dachtel dem Kreis Böblingen zugeordnet wird. Walter Walz wurde mit einem hohen Stimmenanteil zum Bürgermeister der Gemeinde Dachtel gewählt.

Das Regierungspräsidium Südwürttemberg-Hohenzollern, zu dem der Landkreis Calw gehörte, stellte jedoch fest, es sei nicht vorgesehen, den Posten des Bürgermeisters in zwei Gemeinden zu bekleiden, die unterschiedlichen Landkreisen angehörten. Zunächst führte daher der stellvertretende Bürgermeister die Amtsgeschäfte. Mit Erlass vom 4. Mai 1955 wurde Walter Walz die Einsetzung als Bürgermeister bei der Gemeinde Dachtel ermöglicht, sofern der Gemeinderat in Deufringen einverstanden sein sollte. Dieser stimmte zu, worauf Walter Walz am 3. Juni 1955 als Bürgermeister der Gemeinde Dachtel eingesetzt werden konnte.

Während seiner Amtszeit wurde die Gemeindeordnung dahingehend geändert, dass man dann Bürgermeister zweier Gemeinden sein dürfe, wenn diese demselben Kreis angehörten. Walter Walz konnte von einer Übergangsregelung Gebrauch machen bis zum Ablauf seiner Amtszeit gemeinschaftlicher Bürgermeister der beiden Gemeinden bleiben.

Kurz vor Ablauf seiner Amtszeit in Dachtel wurden die Bemühungen, den Wechsel in den Landkreis Böblingen zu erreichen, forciert betrieben. Der Gemeinderat entschied sich für den genannten Bürgerentscheid, der im März 1963 ein klares Ja zum Kreis Böblingen ergab. Für den Kreiswechsel war allerdings nicht das Ergebnis des Bürgerentscheids ausschlaggebend, sondern die Zustimmung des Landtags – und diese erfolgte nicht. Walter Walz wurde im April 1963 in Dachtel wiedergewählt; weil er sein Amt als Bürgermeister der Nachbargemeinde Deufringen nicht aufgeben wollte, war er zunächst lediglich als Amtsverweser tätig. Mit erneuter Änderung der Gemeindeordnung konnte er am 21. Januar 1966 das Amt als Bürgermeister von Dachtel antreten – unter Beibehaltung des Amtes in Deufringen.

Bei den nun beginnenden Planungen für die Kreis- und Gemeindereform fielen die Pläne der Gemeinde mit denen des Innenministeriums zusammen. Dachtel wurde dem Kreis Böblingen zugeordnet und entschied sich rasch zur Eingemeindung in die Gemeinde Aidlingen – (die Gemeinde Deufringen nach anfänglichem Zögern ebenfalls). Die Eingemeindung der bis dahin selbständigen Gemeinden erfolgte zum 1. September 1971 bzw. zum 1. Dezember 1971.

Teil 5 - Deckenpfronn kommt zum Landkreis Böblingen

Nachbarschaftliche Verflechtungen schon früh dokumentiert

Die Gemeinde Deckenpfronn strebte schon früh den Kreiswechsel vom Landkreis Calw zum Landkreis Böblingen an – was den späteren Planungen des Innenministeriums dann entsprach. Schon 1964 hatte Deckenpfronn im Rahmen einer Befragung gegenüber dem Landratsamt Calw die enge nachbarschaftliche Verflechtung zu Herrenberg betont und dokumentiert: So wurden die weiterführenden Schulen vorrangig in Herrenberg besucht, die nächstgelegene Apotheke war in Herrenberg, und auch zum Einkaufen fuhr man gern nach Herrenberg.

Aber auch auf anderen Ebenen gab es Verbindungen in den Landkreis Böblingen: Deckenpfronn hatte eine erhebliche Zahl von Auspendlern in den Landkreis Böblingen, insbesondere nach Sindelfingen. Im Herrenberger Krankenhaus wurden mehr Deckenpfronner Kinder geboren als in der Calwer Klinik. Mit den Nachbargemeinden Oberjesingen und Kuppingen bestand ein Schulverband und die Verkehrsverbindungen dorthin bzw. nach Herrenberg waren günstig.
Der damalige Deckenpfronner Bürgermeister Winfried Kuppler verwaltete ab Januar 1971 als Amtsverweser auch die Geschicke der Nachbargemeinde Oberjesingen, die zum Landkreis Böblingen gehörte. Zu einem Zusammenschluss von Deckenpfronn mit Oberjesingen und Kuppingen kam es jedoch nicht. Diese schlossen sich 1972 bzw. 1971 der Stadt Herrenberg an. Deckenpfronn dagegen verfolgte mit damals gerade einmal 1.600 Einwohnern den Plan der Eigenständigkeit und ist bis heute mit zwischenzeitlich 3.400 Einwohnern die kleinste eigenständige Kommune im Landkreis Böblingen.

Quellen: Bestände des Kreisarchivs Böblingen, des Kreisarchivs Calw sowie der Gemeindeverwaltung Deckenpfronn; mit herzlichem Dank an Herrn Bürgermeister Daniel Gött und Herrn Bürgermeister a. D. Winfried Kuppler. 

Teil 6 - Großes Bürgerfest

Die Kreisreform zum 1.1.1973 veränderte das Kreisgebiet. Es war jedoch nicht nur eine Reform des Kreisgebiets, sondern auch eine Reform der Kreisverfassung. Während zuvor zentrale Themen im Kreisrat besprochen wurden, einem Gremium des Kreistags, werden diese seither im Kreistag bzw. seinen Ausschüssen beraten und beschlossen.

Dem neu gebildeten Landkreis Böblingen gelang auf der Grundlage der bisherigen Errungenschaften der Vorgängerlandkreise Böblingen und Leonberg der weitere Ausbau der Sonder- und Berufsschulen. Es entstanden neue Schularten, darunter technische, kaufmännische sowie haus- und ernährungswissenschaftliche Gymnasien, Berufskollegs und Berufsfachschulen, auf denen die Fachschul-, Fachhochschul- und Hochschulreife erworben werden kann. Ebenfalls wurden Sonderschulen zur Förderung der Teilhabe und Inklusion eingerichtet und ausgebaut.

Ein weiteres Kernthema war die Neukonzeption der Abfallbeseitigung mit der Einrichtung von Wertstoffhöfen, der Beschaffung von Kleinsortieranlagen zur Gewinnung von Wertstoffen aus Gewerbemüll, einem Kompostwerk und einer Vergärungsanlage. Mit ebenfalls großen Anstrengungen wurde der Ausbau der Infrastruktur im Straßenbau und dem Öffentlichen Personennahverkehr verfolgt.

Die Zahl der Beschäftigten im Kreis Böblingen stieg allein von 1974 bis 1978 um über 14 Prozent, was weit über dem Landesdurchschnitt lag. Der neu gebildete, vergrößerte Kreis mit damals 286.000 Einwohnern sah sich vor die Aufgabe gestellt, der wirtschaftlichen Dynamik mit großen Pendlerströmen und überdurchschnittlichem Bevölkerungswachstum durch den Ausbau der Verkehrswege gerecht zu werden. Neben der Einrichtung eines leistungsfähigen ÖPNV stand zunächst der Ausbau der Bundesautobahn A 81 sowie der Ausbau des übrigen Straßennetzes an. 1978 konnte die S 6 von Stuttgart-Schwabstraße nach Weil der Stadt in Betrieb genommen werden, 1985 die S 1 von Stuttgart nach Böblingen und 1992 die Weiterführung der S 1 von Böblingen nach Herrenberg. 1996 wurde die reaktivierte Schönbuchbahn von Böblingen nach Dettenhausen eröffnet und 1999 die reaktivierte Ammertalbahn von Herrenberg nach Tübingen. Die Reaktivierung der Rankbachbahn war in Planung – ihre Realisierung erfolgte als S 60 im Jahr 2010, zunächst von Böblingen nach Maichingen, und 2012 mit der Weiterführung nach Renningen.

Das Sozialamt setzt moderne und nachhaltige Modelle der Generationenpolitik um. Die medizinische Versorgung wird ständig ausgebaut. Die Arbeit des Jugendamts verfolgt zunehmend das Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ und legt den Schwerpunkt auf Partizipation im Dialog, Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Das Jugendamt Böblingen trägt die HASA Hauptschulabschlusskurse, über die Menschen jeden Alters innerhalb eines Jahres den Hauptschulabschluss nachholen können - ein Alleinstellungsmerkmal im Landkreis Böblingen, denn es ist bundesweit die einzige Schule, die von einem Jugendamt getragen wird. In gut 40 Jahren HASA Hauptschulabschlusskurse steht die Bilanz von über 2.000 Hauptschulabschlüssen – und hinter jedem steckt eine schwierige Biographie und ein individueller Erfolg.

1994/95 wurden unter anderem die Gesundheitsämter, die Ämter für Wasserwirtschaft und Bodenkultur sowie die Ämter für das Veterinärwesen in die Landratsämter eingegliedert. Mit der Verwaltungsstrukturreform des Jahres 2005 kamen die Aufgabenfelder der Flur- und Landentwicklung sowie des Vermessungswesens, der Forst- und Landwirtschaftsverwaltung, des Entschädigungsrechts, der Straßenbauverwaltung mit Straßenmeistereien und einige weitere hinzu, mit dem Ziel, eine bürgernahe Verwaltung zu gewährleisten.

Heute ist der Landkreis Böblingen der 7.größte Kreis in Baden-Württemberg und, was das Bevölkerungswachstum angeht, an Platz 4 landesweit. Seit den 70er Jahren ist die Zahl der Einwohner um 40% gestiegen. Im aktuellen Zukunftsatlas des Analyseunternehmens Prognos belegt der Kreis Platz eins in Baden-Württemberg und Platz sechs bundesweit. Die Studie bescheinigt die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit. Man punktet mit dem guten Zusammenspiel der Unternehmen in der Region, der kommunalen Wirtschaftsförderungen sowie den Bildungsreinrichtungen; außerdem durch hochqualifizierte Fachkräfte und ein attraktives und familienfreundliches Wohn- und Freizeitangebot. Die gute Platzierung drückt aus, dass es vieles gibt im Landkreis Böblingen, auf das man stolz sein kann. Und vieles, worauf es sich zu blicken lohnt und was man feiern kann. Die letzten Jahre, die mit der Pandemie und dem Krieg in Europa neue Herausforderungen mit sich brachten, haben gezeigt, dass es im Landkreis Böblingen eine große Solidarität der Bürgerinnen und Bürger gibt und vielfältiges Engagement. Dieses Miteinander beweist, wie gut der Landkreis Böblingen mit all seinen 26 Städten und Gemeinden zusammengewachsen und zu einer guten Einheit in der Mitte Baden-Württembergs geworden ist.

Am 9. Juli, von 11 bis 18 Uhr steigt das große Geburtstagsfest zu 50 Jahre Landkreis Böblingen mit einem Bürgerfest auf dem Festplatz Flugfeld zwischen Böblingen und Sindelfingen. Viele Bereiche des Landratsamts, aber auch viele Partner des Landkreises, stellen sich vor und bieten interaktive und spannende Angebote für Klein und Groß. So gibt es spannende Fahrzeuge zu sehen, es gibt viele Mitmachangebote und auf dem Langen See kann mit einem Rettungsboot gefahren werden. Auf der Sparkassenbühne ist den ganzen Tag Programm und zahlreiche Stände bieten Speisen und Getränke.

Auf der benachbarten Baustelle des Flugfeldklinikums findet ein Tag der Offenen Baustelle statt, bei dem man den Rohbau des Flugfeldklinikums besichtigen kann. Infostände und verschiedene Aktionen runden auch dort das Angebot für Kinder und Erwachsene ab. Ein Shuttle-Bus pendelt zwischen Baustelle, Festplatz und Busbahnhof Böblingen.

Der Tag – mit Bürgerfest und Tag der Offenen Baustelle ist ein Tag für die ganze Familie. Der Landkreis Böblingen als Geburtstagskind freut sich auf zahlreiche mitfeiernde kleine und große Geburtstagsgäste!

50 Jahre im Rückblick: Die wichtigsten Ereignisse und Meilensteine im Kreis

1973 Dr. Reiner Heeb wird zum Landrat des Landkreises Böblingen gewählt.
1973 Einrichtung der Psychologischen Beratungsstellen für Jugend, Ehe- und Lebensfragen.
1973 In den kommenden zehn Jahren werden rund 55 Kilometer Kreisstraßen für umgerechnet 29 Millionen Euro ausgebaut.
1974 Erste kreisweite Landschaftsschutzgebietsverordnung: In der Folge werden umfangreiche Naturdenkmale ausgewiesen.
1974 Bis 1985 erweitert der Landkreis die Berufsschulen in Leonberg, Sindelfingen, Böblingen und Herrenberg umfangreich.
1976 Neubau des Gebäudes A beim Landratsamt Böblingen mit Erweiterungen in den Jahren 1986, 1996 und 2006.
1978 Inbetriebnahme der S-Bahnlinie S 6 von Stuttgart nach Weil der Stadt.
1982 Neubau des Kreiskrankenhauses Herrenberg mit 202 Betten.
1983 Die Hilde-Domin-Schule öffnet ihre Pforten.
1985 Einweihung der S-Bahn-Verlängerung von Stuttgart nach Böblingen.
1991 Erweiterungsbau Kreiskrankenhaus Leonberg für umgerechnet rund 13 Millionen Euro.
1992 Gründung des Abfallwirtschaftsbetriebs, der nach und nach komplett die Entsorgung des Hausmülls im Landkreis übernimmt.
1992 Einweihung der S-Bahn-Verlängerung von Böblingen bis Herrenberg.
1994 Biomüllabfuhr wird mit Inbetriebnahme des eigenen Kompostwerks eingeführt. Heute hat der Kreis Böblingen eine der höchsten Erfassungsquoten von Biomüll in Baden-Württemberg.
1995 Erste Verwaltungsreform mit Eingliederung des Gesundheitsamtes, des Veterinäramtes und des Wasserwirtschaftsamtes.
1996 Reaktivierung der Schönbuchbahn mit heute rund 8.000 Fahrgästen täglich. Damals wurden umgerechnet rund 14 Millionen Euro investiert. Am Zweckverband Schönbuchbahn sind die Landkreise Böblingen und Tübingen im Verhältnis 80 zu 20 beteiligt.
1998 Die Westumfahrung Nufringen wird fertiggestellt. In der Folge baut der Landkreis zahlreiche weitere Umgehungsstraßen, etwa um Böblingen, Herrenberg, Deckenpfronn, Rutesheim und Jettingen.
1999 Einweihung des Restmüllheizkraftwerks mit einer Jahreskapazität von rund 140.000 Tonnen.
1999 Reaktivierung der Ammertalbahn zwischen Tübingen und Herrenberg.
2000 Bernhard Maier wird neuer Landrat im Landkreis Böblingen. Er löst Dr. Reiner Heeb ab, der seit 1973 Landrat des Landkreises war.
2002 Das Restmüllheizkraftwerk wird an das Fernwärmenetz der Städte Böblingen und Sindelfingen angeschlossen.
2002 Das PLENUM Heckengäu geht an den Start mit dem Ziel die Erhaltung und Entwicklung von Natur und Landschaft zu fördern.
2004 Neubau Klinik für Kinder- und Jugendmedizin mit 80 Betten am Krankenhaus Böblingen.
2005 Mit der Verwaltungsreform des Landes unter Ministerpräsident Erwin Teufel erhalten die Landkreise deutlich mehr Kompetenzen. Bisherige Sonderbehörden des Landes zum Beispiel für Straßenbau, Landwirtschaft, Forst oder Gewerbeaufsicht werden wie das Versorgungsamt in die Landratsämter eingegliedert.
2005 Einrichtung von Job-Centern in allen Großen Kreisstädten in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit.
2006 Gründung des Klinikverbunds Südwest gemeinsam mit dem Landkreis Calw und der Stadt Sindelfingen. Der Klinikverbund verfügt über 6 Häuser (Böblingen, Calw, Herrenberg, Leonberg, Nagold und Sindelfingen) mit über 2000 Betten.
2008 Gründung der Energieagentur Kreis Böblingen mit dem Angebot kostenloser, neutraler und unabhängiger Erstberatung für alle Bürgerinnen und Bürger des Landkreises.
2008 Roland Bernhard wird neuer Landrat im Landkreis Böblingen.
2009 Bund, Land, Landkreis und die Städte Böblingen und Sindelfingen einigen sich auf einen Kompromiss zur Finanzierung des Lärmdeckels für den Ausbau der A81.
2010 Die Pilotprojekte Familie am Start beginnen in Herrenberg und Sindelfingen im Rahmen der Frühen Hilfen im Landkreis.
2011 Die Ortsumfahrung Jettingen wird für den Verkehr freigegeben. Es ist die letzte Umfahrung, die in Regie des Landkreises auf absehbare Zeit gebaut wurde.
2012 Einweihung der S 60 zwischen Böblingen und Renningen. An den Gesamtkosten von mehr als 150 Millionen Euro ist der Landkreis mit 16,5 Millionen Euro beteiligt.
2012 Der erste Bildungsbericht für den Landkreis Böblingen wird vorgestellt und soll als Grundlage für die Weiterentwicklung der Bildungslandschaft im Kreis dienen.
2013 Herman Hollerith Zentrum (erster Hochschulstandort im Landkreis Böblingen, Außenstelle der Fakultät Informatik der Hochschule Reutlingen)
2014 SCULPTOURA geht an den Start, zunächst von Grafenau-Dätzingen bis Waldenbuch.
2016 LEADER Heckengäu führt die Arbeit von PLENUM mit leicht veränderter Gebietskulisse fort.
2017 Beschluss zur Elektrifizierung der Schönbuchbahn
2017 Grundstein für Schönbuchturm, ein Jahr später Eröffnung
2018 Eröffnung Zentrum Digitalisierung (ZD.BB), Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen bei allen Belangen rund um die Digitalisierung
2019 Radschnellwegverbindung Böblingen/Sindelfingen - Stuttgart (RSV1).  landesweit erste solche Verbindung. 1 Jahr später Eröffnung Radschnellwegstrecke Böblingen - Ehningen.
2019 Eröffnung Kreistierheim
2019 Großbrand an Vergärungsanlage in Leonberg.
2020 Corona-Pandemie, LKr BB mit manch bundesweit beachtetem Sonderweg („Böblinger Modell – der Aufbau der Testzentren“)
2020 Gründung des Zweckverbands Klärschlammverwertung Böblingen.
2021 Im Frühjahr startet der Autobahnausbau A81 im Bereich Böblingen/Sindelfingen
2021 AI xpress (Neues KI-Startup- und Innovationszentrum in Böblingen)
2022 Ukraine-Flüchtlingskrise
2022 Grundstein Flugfeldklinikum in Böblingen. Mit dem 700 Betten umfassenden Neubau werden die beiden Klinikstandorte Böblingen und Sindelfingen künftig zusammengeführt.